Nun steht das Derby bei der TSG Offenbach-Bürgel an / Bericht aus der OP-Online –
Rodgau – Wenn Ergün Sahin morgens in sein Büro in der Gießener Stadtverwaltung kommt, wird er hin und wieder gefragt, warum er immer ein Lächeln im Gesicht habe. Die Antwort des 52-Jährigen: „Ich bin einfach froh über jeden Tag, den ich geschenkt bekomme!“ Vor dem Derby in der Regionalliga der Handballer bei der TSG Offenbach-Bürgel am Samstag um 19 Uhr in der Sportfabrik Stadtwerke Offenbach geht es für den Trainer der HSG Rodgau Nieder-Roden II aber um mehr als gute Laune. Es geht um Entwicklung, Bewährung – und um die Frage, wie weit seine junge Mannschaft inzwischen ist.
Ergün Sahin übernahm die zweite Mannschaft der „Baggerseepiraten“ nach dem Abstieg aus der Regionalliga und führte sie direkt zur Meisterschaft in der Oberliga. Nun steht der Aufsteiger nach drei Spielen mit ausgeglichenem Punktekonto auf dem guten sechsten Rang. Ist das Team damit schon in der höchsten hessischen Liga angekommen? „Wir befinden uns eher noch im Landeanflug“, sagt der Coach. Im November könne man sagen, wohin der Weg der „Baggerseepiraten“ führt.
Am Samstag liegt die Favoritenrolle bei den „Berler Bulls“, zumal sie auch noch den Heimvorteil haben. Der Vizemeister ist in dieser Saison noch ungeschlagen, hat Ambitionen auf die 3. Liga, auch wenn Spielertrainer Nico Büdel sein Team noch nicht im Flow sieht. Sahin weiß um die Qualität des erfahrenen, physisch starken Gegners. „Wir gehen mit großem Respekt in das Derby“, sagt er: „Aber wir haben in den vergangenen Spielen gesehen, dass wir auch gegen erfahrene Mannschaften bestehen können.“
Ergün Sahins Handballphilosophie: „Ich versuche, alte Tugenden zu vermitteln: Wir bestehen über die Abwehr, sie muss leben.“ Zudem müsse Kontinuität ins Spiel gebracht und Fehler reduziert werden. Das ist bei einer Mannschaft mit einem Altersdurchschnitt von gut 20 Jahren eine besondere Aufgabe. Doch die integrierten Talente aus dem A-Junioren-Bundesligateam übernehmen bereits Verantwortung. „Früher sind Spieler insgesamt selbstbewusster gewesen. Heute grübeln sie viel, hadern mit sich, statt sich zu fragen: Was kann ich tun, damit es besser läuft?“
Struktur ist wichtig, Spaß aber auch
Struktur sei wichtig – gleichzeitig müsse man lachen und Späße machen können. „Wir sind alle keine Profis, auch wenn wir leistungsorientiert spielen.“ Und es dürfe nicht nur „Friede, Freude, Eierkuchen“ geben. Sahin hat in seinem 23-jährigen Trainerdasein unterschiedliche Erfahrungen sowohl im Frauen- als auch im Männerbereich gesammelt: „Jede Mannschaft braucht eine andere Ansprache – bei den Frauen habe ich gelernt, wie wichtig Kommunikation, gegenseitiges Verständnis und der persönliche Austausch sind. Bei meiner jetzigen jungen Mannschaft funktioniert manches auch unkomplizierter. Entscheidend ist aber immer, die Menschen hinter den Spielern zu erreichen und zu wissen, was das Team gerade braucht.“
Seit seinem siebten Lebensjahr spielt der Sport eine zentrale Rolle bei Ergün Sahin, der früher als Spieler Allrounder war und sich mit seinen 1,72 Metern in der Abwehr als Terrier bezeichnete. Er spielte in der Jugend in Lützellinden und Hüttenberg, später in Pohlheim und beim TV Holzheim, bis in die Oberliga. Mit knapp 33 Jahren hörte er auf und konzentrierte sich auf seine Trainertätigkeit.
Sahin wollte möglichst viel lernen und hing nach der A-Lizenz zusätzlich den EHF-Master-Coach der Europäischen Handball-Föderation dran – obwohl er nicht hauptamtlich auf Bundes- oder internationaler Ebene aktiv ist. Stattdessen trainierte er in der 3. Liga der Frauen. Die vier Jahre (2021 bis 2024) bei der HSG Rodgau Nieder-Roden waren eine erfolgreiche Zeit. Dann wollte der Pohlheimer etwas Neues machen, blieb aber dem Verein treu und übernahm die zweite Männermannschaft. Für den 52-Jährigen – mit Wurzeln in der Türkei – sind Handball und Trainerdasein längst mehr als ein Job. Er will Talente ausbilden und fördern, sie an die Drittliga-Mannschaft heranführen. „Wenn du Brot backen willst, musst du den Teig gut durchkneten.“ Dabei müsse man den Spielern auch vorleben, was man erwarte.
Am Samstag lautet der Plan für die Rodgauer: „Wenn unsere Abwehr lebt, wir unser Tempo auf die Platte bekommen und im Angriff geduldig bleiben, können wir Bürgel alles abverlangen.“ Sahins Mannschaft läuft nicht in der Sportfabrik auf, um nur mitzuspielen. „Wir wollen zeigen, wie weit diese junge Mannschaft inzwischen ist.“ Und vielleicht gelingt dem Aufsteiger dort ja eine große Überraschung.
